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Und wen wähle ich nun am 8. Juni 2008?

 

 

oder Das "kleinere Übel" muss nicht unbedingt das Maß aller Dinge sein

 

Michael Winkler, Dresden, 25.05.2008

 

Irgendwie kommt ja kaum ein Dresdner Bürger, ganz gleich ob weiblich oder männlich, an der OB-Wahl 2008 vorbei. Ich wurde letzte Woche ab und an darauf angesprochen bzw. angemailt, wen ich denn nun selbst wählen würde bzw. was ich von den KandidatInnen halten würde. Naja, nachdem ich mir da schon mehrmals Gedanken gemacht habe (sonst hätte ich es selbst nicht mit einer Kandidatur versucht), wähle ich mal den Vergleich mit einem Bäckerladen. Und das sähe dann ungefähr so aus ...

 

Einen OB wählen ist ungefähr so, wie wenn man in einem Bäckerladen ein Brot kaufen möchte. Ganz vergleichen kann man beide Handlungen freilich nicht. Erstens gibt es mehr als 8 Brotsorten. Zweitens kann ich zwischen mehreren Läden auswählen und außerdem kaufen die wenigstens Menschen nur aller 7 Jahre ein Brot. Sei es wie es sei ... Vergleiche hinken bekanntlich immer etwas, doch Übertreibungen machen anschaulich.

 

Was mein eigene Wahl anbetrifft, so vergesse ich mal, dass die OB-Wahl eine geheime Wahl ist, und gestehe offen und ehrlich zu, dass die diesjährige OB-Wahl in Dresden am 8. Juni 2008 meine erste Nichtwahl sein wird. Für die Nachwahl, die voraussichtlich am 22. Juni 2008 stattfinden wird, könnte das schon wieder ganz anders aussehen, wenn ein/e neue/r Kandidat/in auf dem Stimmzettel erscheinen sollte. Wie gesagt, ihr könnt es alle versuchen ... 240 Unterstützer-Unterschriften und ihr seid dabei. Aus eigener Erfahrung kann ich nun sagen, dass es sich so oder so lohnt ...

Wie bereits häufiger beschrieben, habe ich mich ja selbst aufgestellt, weil ich nicht wusste, wen ich wählen könnte. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Außer Marcus Kührt von der BüSo und Dirk Hacaj von den niedersächsischen Republikanern, der für die Sächsische Volkspartei (S.V.P.) ins OB-Rennen gehen wird, kannte ich allen anderen KandidatInnen vorher bzw. kannte ich ihre Parteien. Einige kenne bzw. kannte ich aus persönlichen Gesprächen ...

 

Ich stehe im Bäckerladen und konnte vorher dort mein eigenes Brot nicht zum Verkauf anbieten, sondern darf nur die Brote kaufen, die es bereits im Laden gibt. Hmm, warum sollte ich mich denn für das "kleinste Übel" entscheiden, wenn ich zu Hause selbst Brot backen kann? Ich vermute mal, dass die meisten Brote aus Auszugsmehl gemacht sind und die schmecken mir nicht (habe einige schon gekostet). Einige andere gefallen mir schon von den Werbeversprechungen her nicht, zumal ich ihre Bäckermeister kenne und deren Methoden, Brot zu backen. Selbst die achso konservativ-traditionsbewussten Sachsen von der "Sächsischen Brotbäckerpartei", auch Sächsische Volkspartei genannt, schicken einen Nichtsachsen (okay, es ist "immerhin" ein Niedersachse) ins Dresdner OB-Rennen. Und der darf laut Wahlgesetz nicht mal wieder zurücktreten als er seinen Marktgang doch nochmals überdacht hatte. Er muss nun also sein Brot auf dem Dresdner Markt verkaufen, weil seine Zwischenhändler (seine zwei Vertrauenspersonen im "Wahlgesetz-Deutsch") das so wollen ... tja, so ist das eben oder wie "Oberbackaufseher", Dresdens Ordnungs-&-Sicherheits-Oberbürgermeister, Detlef Sittel meinte: "Die Regeln sind da sehr streng ... wir müssen die Kandidatur für zulässig erklären.“ (Quelle SZ-Online, 14.05.2008). Detlef Sittel beschreibt die Härte des deutschen Wahlgesetzes dann auch recht nüchtern: "Wer sich einmal erklärt hat, muss kandidieren, es sei denn er stirbt vorher" (Quelle von MeinDresden.Info, 13.05.2008). Tja, die Deutschen und ihre Gesetze - da lacht die Welt. Mir fällt in diesem Zusammenhang wieder mal ein Zitat von Napoleon ein: "Es gibt kein gutmütigeres, aber auch kein leichtgläubigeres Volk als das Deutsche. Keine Lüge kann grob [mitunter wird auch "groß" angegeben, Anm. M.W.] genug ersonnen werden, die Deutschen glauben sie. Um eine Parole, die man ihnen gab, verfolgen sie ihre Landsleute mit größerer Erbitterung, als ihre wirklichen Feinde." (Quelle Wikiquote)

 

Na, alles klar? Wenn nicht, dann noch einmal zum Auf-der-Zunge-zergehen lassen:

1. Der Dresdner Oberbürgermeister muss nicht Dresdner Bürger sein - weder haupt- noch nebenwohnsitzlich.

2. Möchte man von seiner Kandidatur wieder zurücktreten, dann geht das nur, wenn die beiden Vertrauenspersonen dem zustimmen.

 

Mir fiel es vor dem Wissen um diese Bestimmungen schon schwer, das ganze einigermaßen ernst zu nehmen, daher hatte ich das Thema Nr. 4 meines Wahlprogramms wohlwissentlich mit "Humor" betitelt. Doch mittlerweile suche ich nach Argumenten, welche ich Kindern entgegenbringen könnte, wenn Sie mal nach dem Oberbürgermeister fragen sollten. Stellt Euch mal die aberwitzige Situation vor, dass ein Münchner Hamburg, ein Hamburger Dresden und ein Dresdner München als OB regiert. In Sachsen bzw. Deutschland ist dies zumindest möglich ... Ist es das, was die globale Mobilität von uns verlangt?

 

Und Humor wäre es auch, den ich gebräucht hätte, um im utopischen Fall, dass ich Dresdens OB geworden wäre, mein Amt hätte 7 Jahre ausüben müssen. Ich bin und bleibe ein Freund von dezentralisierten Stadtteilparlamenten ... und diese wird es auch innerhalb der nächsten 7 Jahre verstärkt geben (ein paar etwas ausführlichere Gedanken zum Dresdner Stadtteil Neustadt finden ihr bei der Idee zum Neustadt-Parlament). Die Globalisierung wird es möglich und nötig, sprich notwendig, machen. Apropos "notwendig", aus der Not heraus wird wohl bald eine Wende kommen, so oder so.

 

Ich backe dieses Jahr jedenfalls lieber mein eigenes Brot ... und zwar zu Hause. Ich weiß jedoch auch, dass viele immer wieder die gleichen Bäckerbrote kaufen und hinterher kräftig schimpfen werden, dass wieder alles teurer wurde als gesagt und sowieso alle Bäcker entweder "Hohlköpfe" (O-Ton einer Dresdnerin vorm Rathaus Anfang Mai 2008) oder korrupt oder beides wären. Nein, darauf habe ich keine Lust dieses Jahr ... Verantwortung abgeben ist dieses Jahr nicht, sondern selber backen, wenn auch im kleinen Rahmen.
 

In diesem Sinne, alles Gute und bis bald, Micha(el) Winkler.

 


Erstellt am: 26.05.2008