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Welterbe vs. Welterbetitel? |
Für ein
neues Bürgerbegehren und das Spenden des Welterbetitels an andere würdige
Welterbestätten
Michael Winkler,
Dresden, 22.04.2008
Um das Thema "Waldschlösschenbrücke" - JA oder NEIN - kommt offenbar kein OB-Kandidat herum. Auch ich nicht. Zum einen lenkt die jahrelange Diskussion zwar ab von vielen anderen wichtigen Themen (Was ließe sich da fast unbemerkt von der Öffentlichkeit so alles beschließen?). Zum anderen steht Dresden an einem Scheideweg, dessen Spuren noch in den nächsten Jahrzehnten zu verfolgen sein werden. Mittlerweile dürfte den meisten bewusst geworden sein, dass es sich hier nicht nur um ein ausschließlich Dresdner Anliegen handelt, sondern vielmehr um ein internationales. Das globale Dorf grüßt den dörflichen Globus.
Folgende Fragen schweben m.E. nach - so oder so ähnlich formuliert - immer wieder durch den Raum und durch die Presse:
Sollte sich die Stadt Dresden und die DresdnerInnen selbst nach einer Kommission in Paris richten oder nicht?
Welche Rolle spielt dieser Titel für Dresden überhaupt?
Braucht ihn die Stadt und wenn ja, wofür?
Was sind mögliche Lösungen für den momentan scheinbar festgefahrenen Konflikt, in dem es immer weniger um die Sache als um das reine Durchsetzen von politischen und finanziellen Interessen zu gehen scheint?
Einfache Antworten machen eine komplexe Sache häufig zu einfach ... daher meine Vorschläge zur Lösung des Konfliktes:
Bei einer Diskussionsrunde Mitte 2007 im Dresdner Lingnerschloss, bei der u.a. Marie-Theres Albert (BTU Cottbus, Lehrstuhl Interkulturalität, UNESCO Chair in Heritage Studies) anwesend war, wurde auch darauf hingewiesen, dass die Vergabe der UNESCO-Weltkulturerbetitel nicht selten auch als Anreizfaktor für den Tourismus in der sog. Ersten Welt sei. Wer sich die Liste der Welterbestätten einmal näher anschaut, wird da eine starke Diskrepanz zwischen Nordamerika bzw. Europa und dem Rest der Welt feststellen. Nicht umsonst ist der Hauptsitz der Welterbekommission auch in Paris und nicht in Ouagadougou (oder woanders). Braucht Dresden den Welterbetitel für ein Mehr an Tourismus? Ich bezweifle das, auch wenn es da sicher andere Meinungen gibt. Seit Jahren wachsen die Besucherzahlen aus dem In- und Ausland (Zahlen 2006) ... allein 2006 waren es laut Statistik mehr als 10 Millionen Gäste (1999: 6,3 Mio.) ... Dresden hat aufgrund seiner Sehenswürdigkeiten, seiner kulturellen Historie genügend eigene Kraft, um Menschen aus aller Welt anzuziehen. Nicht zuletzt ist es eine beliebter entspannender Zwischenstopp zwischen Berlin und Prag.
Ein Welterbetitel schützt noch lange nicht das Welterbe selbst. Momentan besteht die Gefahr, dass beim Blick auf die Welterbekommission die eigentliche Sache - die Natur als solche, das Welterbe Natur an sich - außer acht gelassen wird. Vergleichen wir es einmal mit einem Doktortitel, ist es vielleicht so, dass das Erreichen des Titels für gewisse Zwecke (Karriere, Status, Prestige etc.) wichtig erscheint, doch der Inhalt der Doktorarbeit immer nebensächlicher wird.
Die wenigsten Menschen wollen fremdbestimmt leben ... insofern sind die Meldungen aus Paris zwar wichtig, doch sie können m.E. nur als Ratschlag, als Wegweiser gelten, nicht als (An-)Weisung. Entscheiden müssen das die Dresdner schon selbst. Entscheidungen werden durch Wissen beeinflusst und dass sich in den letzten Jahren bewusstseinsmäßig sehr viel in Dresden getan hat, ist offensichtlich. Insofern ist ein neues Bürgerbegehren (Brücke - Tunnel - weder noch) sinnvoll. Sollte sich dann erneut eine Mehrheit für die Brücke entscheiden, sollte dieser Beschluss auch endgültig durchgesetzt werden können.
Um das ganze wenigstens etwas versöhnlich zu gestalten und um in den Augen einiger Deutschland eine "Schmach" zu ersparen, könnte der Welterbetitel an eine andere Stadt oder Gegend, z.B. in Afrika, sozusagen gespendet werden. Für das bürokratische Procedere und egozentrische "Gezeter" (von allen Seiten) der letzten Jahre könnte insofern ein würdiger Ausgleich geschaffen werden. Die Stadt Dresden könnte bzw. sollte finanziell die Pflege eines Welterbes in einem anderen Land dieser Erde unterstützen, eine Art "Welterbe-Patenschaft" sozusagen. Dresden und Deutschland haben Jahrhunderte lang von der Welt profitiert, es ist an der Zeit etwas zurückzugeben.
Vorstellbar wäre auch eine temporäre Rückgabe des Welterbetitels bis zur endgültigen Auswertung des neuen Bürgerbegehrens, dessen Durchführung ich ausdrücklich unterstütze, um den "Druck von außen" aus dem Konflikt etwas zu nehmen. Die Entscheidung für eine Brücke oder einen Tunnel oder gegen beides, sollte nicht aus einer Art Trotzreaktion (welche m.E. zu Sätzen wie Georg Milbradts "Der Verzicht des Welterbetitels ist verkraftbar." führte) heraus geschehen, sondern zunächst die Dresdner Bevölkerung selbst betreffen. Danach kann es durchaus zu einem neuen Antrag auf das UNESCO-Weltkulturerbe kommen, was ich ebenso ausdrücklich unterstütze. Momentan sind die Fronten m.E. zu verhärtet, die Emotionen zu "hochgekocht", diverse Befindlichkeiten berührt, als dass eine rationale Entscheidung möglich wäre ... der (internationale) "Druck von außen" auf eine Entscheidung (so oder so) gibt den sachlichen Argumenten nicht genügend Raum bei der gesamten Diskussion.
Es wäre - nach all dem Geschehenen - zudem sehr interessant, die gesamte Geschichte, die Dresden ja erneut weltweit berühmt gemacht haben dürfte, künstlerisch - als Theaterstück, Possenspiel, Operette etc. - zu verarbeiten. Alle Seiten haben mit "gezinkten" Karten gespielt, die einen mehr, die anderen weniger ... Über die nächsten Jahrzehnte dürfte die kulturelle Verarbeitung des Stoffs zum "Fall Waldschlösschen" dann auch finanziell wieder etwas zurückfließen lassen ... eine englischsprachige Fassung eines Theaterstücks oder eben einer Operette wäre ebenso für auswärtige Gäste sehr interessant und aufschlussreich. Dresden könnte mit einen Schuss Selbstironie vom Wirrwarr der letzten Jahre - kulturell & finanziell - profitieren.
Insofern sehe ich da eigentlich keine Probleme ... außer dem Festhalten an alten Denkstrukturen und privaten finanziellen Interessen ...
Beides ließe sich lösen, die Frage ist nur wann und wie. Es ist letztlich eine Frage des (politischen) Willens.
Ist der politische Wille nicht vorhanden und mit dem Voranschreiten der Arbeiten zum Bau der Waldschlösschenbrücke sollen vollendete Tatsachen geschaffen werden, kann Dresden wohl nur auf Petrus hoffen ... wie ein Hochwasser aussieht und was es für Auswirkungen hat, dürfte den meisten - trotz eines ausgeblendeten Langzeitgedächtnisses - noch sehr lebhaft in Erinnerung sein.
In diesem Sinne, Petrus heil ... Bis zum nächsten Mal, Michael Winkler.
Erstellt am: 22.04.2008, Letzte Änderung: 27.04.2008