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Pressefreiheit in Sachsen ...

oder Was unterscheidet die Zeit in Sachsen um 1800 von heute?

 

 

Michael Winkler, Dresden, 19.04.2009

 



Madame de Staël
(1766-1817)


Bildquelle: womenshistory.about.com
Was wäre Deutschland ohne die Frauen? Besonders ohne so manch "ausländische" ... Angeblich soll es Madame de Staël, mit vollständigen Namen "Baronin Anne Louise Germaine de Staël-Holstein", welche von 1766 bis 1817 lebte, gewesen sein, die den Begriff vom "Land der Dichter und Denker" geprägt hat. Napoleon Bonaparte, dem sie spätestens ab seinem Einzug in ihr "halbes" Heimatland Schweiz (ihr Vater Jacques Necker stammte aus Genf und hatte deutsche Wurzeln) im Jahre 1798, eher feindlich gegenüberstand (und er wohl ebenso ihr), war da essentiell wohl weit weniger großzügig mit den Deutschen als er einmal gemeint haben soll: "Es gibt kein gutmütigeres, aber auch kein leichtgläubigeres Volk, als das Deutsche. Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden, die Deutschen glauben sie. Um eine Parole, die man ihnen gab, verfolgen sie ihre Landsleute mit größerer Erbitterung, als ihre wirklichen Feinde."

Auch wenn ihr Buch "De l'Allemagne" ("Über Deutschland"), welches ihre Erfahrungen zweier Reisen zwischen 1803 und 1808 enthält, sicher nicht ganz ohne Einfluss ihrer deutschen Wurzeln väterlicherseits und vielleicht auch unter dem Vorzeichen des Deutschland-Feldzuges Napoleons zu dieser Zeit zu lesen ist, enthält er ein sehr interessantes Bild gewisser Dinge in Deutschland.



Napoleon Bonaparte
(1769-1821)


Bildquelle: eigene Kreation :)

 

Kapitel Nr. 14 ist mit "Sachsen" betitelt und ist hier in der Version einer Reclam-Ausgabe aus dem Jahr 1962 (S. 114-117) wiedergegeben. Das von mir im Titel hervorgestellte Thema "Pressefreiheit" bzw. "Pressezensur" wird im unteren Teil behandelt. Es lohnt jedoch den gesamten Text zu lesen.

Vielleicht sei noch darauf hingewiesen, dass die Herausgeberin des Buches, Sigrid Metken, zum einen in der Einleitung meint, dass "Madame de Staëls Arbeitsweise spontan und subjektiv" sei (S. 20) und zum anderen festhält "Kaum ein Buch hat so viel zum Verstehen, aber auch zum Sich-Missverstehen zweier Völker beigetragen. Neben vielen richtigen und unverändert gültigen Beobachtungen stehen Klischees, neben tiefen Wahrheiten ganz grobe Irrtümer." (S. 34)

 

Insofern steckt in vielen Deutschen und Franzosen wohl möglicherweise noch eine ganze Menge Madame de Staël :)

 


VIERZEHNTES KAPITEL

 

Sachsen

 

Von den Zeiten der Reformation an haben die Fürsten aus dem sächsischen Hause den Wissenschaften die beste aller Begünstigungen zuteil werden lassen: die Unabhängigkeit. Man darf ohne weiteres die Behauptung aufstellen, daß die Bildung in keinem Land so allgemein ist wie in Sachsen und Norddeutschland. Diese Länder sind die Wiege des Protestantismus, und der Geist des Prüfens und Forschens hat sich dort seit jener Zeit in voller Stärke erhalten.

     Die Kurfürsten von Sachsen wurden im verflossenen Jahrhundert katholisch, und obschon sie gewissenhaft den Eid hielten, der sie verpflichtete, den Glauben ihrer Untertanen zu respektieren, hat dieser Religionsunterschied zwischen dem Volk und dem Herrscherhaus doch der politischen Einheit des Staates geschadet. Die Kurfürsten, zugleich Wahlkönige von Polen, liebten die Künste mehr als die Literatur, der sie zwar keine Hindernisse in den Weg legten, die ihnen aber fremd war. Die Musik wird in Sachsen allgemein gepflegt, und die Dresdner Galerie enthält Meisterwerke, welche die Künstler anfeuern müssen. Die Natur ist in der Umgebung der Hauptstadt sehr malerisch, die Gesellschaft aber bietet nicht viel Unterhaltung, denn die Eleganz eines Hofes hat darauf keinen Einfluß, dort kann nur die Etikette leicht Eingang finden.

    Nach der Anzahl der Bücher, die in Leipzig verkauft werden, kann man beurteilen, wieviel Leser die deutschen Schriftsteller haben. Die Arbeiter aller Klassen, sogar die Steinhauer, nehmen ein Buch zur Hand, wenn sie von der Arbeit ausruhen. Man kann sich in Frankreich keine Vorstellung davon machen, wie allgemein die Bildung in Deutschland ist. Ich habe Gastwirte und Zollbeamte getroffen, die mit der französischen Literatur vertraut waren. Überall, sogar in den Dörfern, findet man Lehrer der lateinischen und griechischen Sprache. Es gibt keine Kleinstadt, die nicht eine ziemlich gute Bibliothek besäße, und beinahe in jedem Ort kann man einige Personen namhaft machen, die durch ihre Talente und ihre Kenntnisse schätzbar sind. Wenn man in dieser Beziehung die Provinzen Frankreichs mit Deutschland vergleichen wollte, müßte man zu dem Glauben kommen, daß die beiden Länder in ihrer Bildung um drei Jahrhunderte auseinander liegen. Paris, das die Elite des Landes in sich vereinigt, nimmt dem Rest alles Interessante.

    Picard1 und Kotzebue haben zwei recht hübsche Stücke geschrieben, die den Titel "Die Kleinstädter" führen. Picard stellt die Provinzler dar, wie sie beständig Paris nachzuäffen versuchen, Kotzebue die Bürger einer kleinen Stadt, die auf ihren Wohnort stolz sind und ihn für unvergleichlich halten. Die Verschiedenheit des Lächerlichen gibt stets eine Vorstellung von der Verschiedenheit der Sitten. In Deutschland ist jeder Aufenthaltsort ein Reich für den, der seinen Sitz dort aufgeschlagen hat; seine Einbildungskraft, seine Studien oder auch nur seine Gutmütigkeit erhöhen den Wert desselben in seinen Augen, jeder weiß dort den größten Vorteil aus sich selbst zu ziehen. Die Wichtigkeit, die man auf alles legt, fordert den Spott heraus, sie verleiht aber den kleinsten Dingen Wert. In Frankreich interessiert man sich nur für Paris, und das mit Recht, denn Paris ist Frankreich, und nur in der Provinz gelebt hat, würde nicht die geringste von dem haben, was dies herrliche Land eigentlich charakterisiert.

    Die geistig bedeutenden Männer Deutschlands sehen sich, da sie nicht in ein und derselben Stadt beisammen sind, beinahe nie und verkehren nur durch ihre Schriften miteinander. Jeder geht dort seinen Weg für sich und entdeckt beständig neue Gegenden auf dem weiten Gebiet des Altertums, der Metaphysik und der exakten Wissenschaften. Was man in Deutschland studieren nennt, ist wirklich etwas Bewundernswertes: fünfzehn Stunden täglich Jahre hindurch der Einsamkeit und der Arbeit zu widmen, ist eine ganz natürliche Lebensart. Außerdem bewirkt auch die Langweiligkeit der Gesellschaft, daß man sich an ein zurückgezogenes Leben gewöhnt.

    In Sachsen bestand die unbeschränkteste Pressefreiheit. Sie war aber ohne jede Gefahr für die Regierung, weil der Geist der Schriftsteller sich durchaus nicht einer Kritik der politischen Zustände zunwandte. Die Einsamkeit führt zu abstrakter Spekulation oder zur Poesie: Man muß inmitten der menschlichen Leidenschaften leben, um die Notwendigkeit zu fühlen, sie zu benutzen und zu lenken. Die deutschen Schriftsteller aber beschäftigen sich nur mit Theorien, gelehrten Dingen, literarischen und philosophischen Untersuchungen, und von diesen Dingen haben die Mächtigen der Erde nichts zu fürchten. Überdies war die Regierung Sachsens infolge der Gewohnheiten des Landes und der Mäßigung der Herrscher, wenn auch nicht dem Recht, so doch der Tat nach freisinnig.

    Die Biederkeit der Einwohner war so groß, daß, als ein Leipziger Bürger an einem Apfelbaum, den er an den Rand einer öffentlichen Promenade gepflanzt hatte, einen Zettel mit der Bitte anbrachte, man möge ihm die Früchte nicht wegnehmen, demselben zehn Jahre lang nicht ein einziger Apfel gestohlen wurde. Ich habe diesen Apfelbaum mit einem Gefühl der Hochachtung betrachtet ...

    Die literarischen Städte Sachsens sind diejenigen, in denen man am meisten Wohlwollen und Einfachheit findet. In allen andern Ländern betrachtet man die Literatur als ein Vorrecht des Überflusses, in Deutschland scheint sie denselben auszuschließen. Die Neigungen, die sie einflößt, verleihen eine gewisse Reinheit und Scheu, der die Liebe zum häuslichen Leben entspringt: nicht als ob die Autoreneitelkeit bei den Deutschen keinen scharf ausgeprägten Charakter habe, aber die geizt nicht nach gesellschaftlichen Erfolgen. Der geringste deutsche Schriftsteller strebt nach der Unsterblichkeit und wird, da er sich nach Belieben im unbegrenzten Raum der Gedanken ergeht, von den Menschen weniger verletzt und daher auch weniger feindselig gegen sie gestimmt. Dennoch sind die Männer der Feder und die Männer der Tat in Sachsen zu sehr voneinander getrennt, als daß sich eine wirkliche öffentliche Meinung entwickeln könnte. Aus dieser Absonderung folgt, daß die einen mit den Dingen zu wenig vertraut sind, um einen Einfluß auf das Land auszuüben, und daß die andern sich mit einem geschmeidigen Macchiavellismus brüsten, der über die edlen Regungen wie über Kindereien lächelt und ihnen anzudeuten scheint, daß sie in dieser Welt nicht angebracht sind.

1  Louis-Benoît Picard (1769-1828) behandelt den fraglichen Stoff außer in seinem Lustspiel "La petite Ville" auch noch in den "Provinciaux à Paris" (Die Kleinstädter in Paris). Kotzebues Lustspiel s. Reclam UB Nr. 90.


Tja, und da stellt sich mir nun die Frage, ob es in Sachsen vielleicht immer noch die unbeschränkteste Pressefreiheit gibt, ganz einfach weil es eigentlich kaum nennenswert kritische Schriftsteller oder Journalisten (außer Michael Bartsch vielleicht) gibt? Ist dem so? Kennt ihr vielleicht welche? Oder ist es einfach einer der "ganz groben Irrtümer" in dem Werk Madame de Staëls, wie die Herausgeberin Sigrid Metken eingangs anmerkte?

 

 


Erstellt am: 19.04.2009