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Hat Marx gesiegt?

 

 

Die "Diktatur des Proletariats" ist erreicht

 

Michael Winkler, Dresden, 06.10. & 24.11.2008


 

Anmerkung: Bei diesem Artikel handelt es sich um einen in der Dresdner Zeitung "DROBS" - ein Magazin für sog. Obdach- und Arbeitslose - dankenswerterweise abgedruckten Artikel, welcher bisher im Internet noch unveröffentlicht war. Da ich ihn die letzten Wochen häufiger an Freunde und Bekannte verschickt habe, kam mir heute die Idee, ihn doch besser gleich ins Internet zu stellen ... ja, manchmal sind recht nahe liegende Dinge auch recht fern.
 

Dresden, 6. Oktober 2008. Ich – gebürtiger Karl-Marx-Städter – sitze an meinem Schreibtisch; vor mir der Laptop. Unterm Schreibtisch eine Schüssel mit fast heißem Wasser; das Wetter draußen schreit nach Fußbad. Und da Salz angeblich so einige negative Energien herausziehen soll, gab’s etwas italienisches Meeressalz hinzu.

An negativen Energien habe ich heute wahrscheinlich so einiges abbekommen, doch irgendwie empfinde ich es gar nicht so beängstigend mehr. Humor macht frei im Kopf. Und Humor ist nötig, wenn ich mal wieder bei der ARGE Dresden war. So wie heute Vormittag. Termin 9 Uhr; ich kam im akademischen Viertel, ca. 10 Minuten später. Meine neue Fallmanagerin sollte sich ruhig an meine Arbeitsmentalität gewöhnen. Ich wusste auch noch gar nicht so recht, warum ich jetzt nicht mehr im ARGE-Dresden-Headquarter auf der Budapester Straße vorstellig sein sollte, sondern quasi „bei mir um die Ecke“ in der Außenstelle auf der Hoyerswerdaer Straße in Dresden-Neustadt. Von Budapest nach Hoyerswerda – war das etwa ein Omen?

An der Eingangstür im 2. Stock wurde ich von einem „Türsteher“ begrüßt, der mir netterweise die gläserne Eisentür aufmachte. Hmm, waren das die Folgen der Dezentralisierung? Hier schien alles etwas familiärer zuzugehen. Er zeigte mir das Zimmer, wo ich den Termin wahrzunehmen hatte und meldete mich sogar bei meiner Fallmanagerin, Frau S., an. Es dauerte noch etwas und ich nutzte die Zeit für einen Gang zur Toilette. Ja, selbst die zeigte mir der „Türsteher“ bereitwillig.

Frau S. empfing mich einige Minuten nach meiner Ankunft. Sie stellte sich vor und wollte etwas über mich wissen. Sie hätte ja einige Informationen im Computer, doch wollte mich näher kennenlernen. Hmm, ich wurde skeptisch und meinte, dass ich meinen Lebenslauf mithätte, den sie gern haben und auch behalten könnte. Ich wollte wissen, warum ich denn nicht mehr auf der Budapester Straße wäre. Sie erläuterte mir, dass sie laut Aktenlage oder Information (ich habe keine Ahnung, wo was bei der ARGE vermerkt wird) erfahren hätte, dass ich „Hemmnisse hätte, auf den 1. Arbeitsmarkt zu kommen“. Ich sei langzeitarbeitslos und möglicherweise auch aus Gesundheitsgründen nicht vermittelbar. Sie würde mich gern beim ärztlichen Dienst in der Hauptstelle Budapester Straße untersuchen lassen. Ich erklärte ihr, dass ich etwas überrascht sei von der Versetzung in die neue ARGE-Stelle, da ich bei meinem bisher letzten Besuch auf der ARGE Budapester Straße meiner damaligen Fallmanagerin Frau B. gesagt hatte, dass ich die Fallmanagerin wechseln wöllte. Davon wusste Frau S. nichts, da es offenbar nirgendwo vermerkt war.

Ein kurzer Blick zurück in den August 2008. Die Chemie zwischen Frau B. und mir stimmte einfach nicht. Immer häufiger hatte ich das Gefühl, dass sie genau das tat, was sie mir zum Schluss vorgeworfen hatte: dass ich ihr die Worte im Mund rumdrehen würde. Eigentlich begann bereits unser erstes Zusammentreffen im September 2005 mit einem solchen Missverständnis. Ich hatte um einen Termin gebeten, um mit meiner Fallmanagerin, welche ich noch nicht kannte, über Möglichkeiten zur Existenzgründung zu sprechen. Die ersten Worte von Frau B. waren damals gewesen: „Herr Winkler, ich habe Sie heute eingeladen, weil …“. Danach folgten 15 Minuten Vorstellung ihrer Person, ihres Lebenslaufes sowie meiner Pflichten und Rechte. Als ich dann irgendwie ein bisschen durcheinander gekommen war, was ich eigentlich zuerst fragen sollte, fing ich nochmals von vorn an und erklärte ihr, dass ich Informationen bräuchte, wie ich mich selbstständig machen könnte. „Das machen wir das nächste Mal.“, meinte Frau B. damals und ich schwankte zwischen einem gedachten ‚Okay, wenn’s nicht drängelt, auch nicht schlimm.’ und einem ausgesprochenen „Nun, gut machen wir das so.“

Wenn das James Brown wüsste ... FEEL GOOD

 

FEEL GOOD! - Beauty hinterm Stammhaus*

Die unmittelbare Umgebung der Arbeitsagentur bzw.
der ARGE Dresden versteht es jeden sog. Arbeitslosen
am Ausgang bei Laune zu halten.

* gemeint ist nicht das Stammhaus der Arbeitsagentur Dresden,
sondern jenes der Feldschlösschenbrauerei :)


Foto: M. Winkler,
aufgenommen irgendwann im Sommer 2005

Nach drei Jahren, mehreren Nebenjobs, einem abgelehnten Projekt-Antrag von der IHK Dresden (Telefon-O-Ton der dortigen Geschäftsführerin Volkswirtschaft: „Sie haben zwar Recht, Herr Winkler, doch wir haben unsere Gesetze.“) und einer halbjährigen QAD-ABM (welche ich nicht verlängern wollte, da ich hier gesehen hatte, wie aus halbwegs motivierten Menschen, schrittweise lethargische, desillusionierte Kaffeetrinker werden) erklärte mir Frau B. wieder einmal die ARGE-Welt und ich traf eine der besten Entscheidungen meines bisherigen Lebens. Ich bat sie um die Formulare für einen Fallmanagerwechsel. Sie war irritiert, da sie so etwas noch nicht erlebt hätte. Neben einem gedachten ‚Was? Wirklich? Kein einziger der Hunderten Kunden …?’ entfleuchte mir ein gesagtes „Na, dann ist das eben mal etwas Neues.“ Nach einigem Hin und Her, bei dem sie mir erklärte, sich ordnungsgemäß verhalten zu haben und all diese Dinge, die mich nicht – nicht mehr – interessierten, verabschiedete ich mich mit den Worten: „Ich habe manchmal das Gefühl, dass einige Mitarbeiter in der ARGE nicht wirklich wahrnehmen, dass es ihren Job ohne Arbeitslose gar nicht geben würde.“

Frau B. wusste im Übrigen nicht, wie ein Fallmanager-Wechsel von Statten ging und ich hatte ihr daher angeboten, das persönlich über ihre vorgesetzte Teamleiterin, Frau C., zu regeln. Ich schrieb ihrer Vorgesetzten am Tag darauf eine e-Mail mit meinem Anliegen und der Bitte um eine Aussprache zusammen mit Frau B. Nach einer Woche Schweigen schrieb ich einen Brief, legte eine Kopie meiner e-Mail bei und bat erneut um einen Termin. Sechs Wochen Schweigen vergingen, dann kam ein Brief mit der Einladung zu Frau S. in die Außenstelle der ARGE Hoyerswerdaer Straße, die natürlich offenbar nur halb informiert war und einfach den wahrscheinlich automatisch vorgegebenen Grund „Hemmnisse, auf den 1. Arbeitsmarkt zu kommen.“ zu sehen bekommen hatte. Tja, so läuft das scheinbar in einem Sozialstaat. Wenn sich die offenbar größtenteils computergesteuerten ARGE-MitarbeiterInnen sagen „Make it easy.“, so bleibt dem Mensch auf der anderen Seite des Tisches meist nur ein „Take it easy.“ übrig.

Nun saß ich also vor meiner neuen Fallmanagerin Frau S., die nicht wusste, warum ich etwas skeptisch war. Wichtig für sie war, dass wir die Dinge machten, die ihr die Absicherung für ihren Job erlaubten. So unterschrieb ich zum zweiten Mal nach November 2007 die sogenannte Eingliederungsvereinbarung. Frau S. setzte in die Spalte „Ziel“ die Worte „Stabilisierung der Persönlichkeit“. Na, wenn das mal kein hohes Ziel ist. Ich überlege schon, ob ich für Frau S. auch eine solche Vereinbarung verfassen sollte: Ziel „Stabilisierung des Arbeitsplatzes“.

Vor lauter Hilfsbereitschaft kommt so manche Fallmanagerin beim Kopfrechnen selbst zu Fall. Um mir bei meinen Bemühungen bei der Arbeitsplatzsuche etwas entgegenzukommen, wollte Frau S. die von Frau B. laut Eingliederungsvereinbarung vom November 2007 geforderten „mindestens 2 Bewerbungsaktivitäten pro Woche“ in „mindestens 10 pro Monat“ ändern. Ich stockte etwas und fragte sie, warum es jetzt mehr sein würden. Nun stockte Frau S. und schaute offenbar überlegend auf ihren Bildschirm. Ich erklärte ihr, dass es aufs Jahr umgerechnet zunächst 104 und nun 120 geforderte Bewerbungen wären. Kommentarlos erklärte sie mir dann, dass sie jetzt „8 pro Monat“ ins Formular eingesetzt hätte. Tja, von 104 auf 96 – da hatte ich glatt einen fast 8%-igen Preisnachlass raushandeln können. Und das obwohl gar kein Sommerschlussverkauf mehr war. Fragt sich nur, was passiert, wenn das jemand nicht bemerkt? Ob das Ludwig Erhard einst mit seinem Spruch „Zu sozial ist unsozial“ meinte? Ich weiß es nicht, und habe auch keine Ahnung, was Frau S. unter den Wörtern „sozial“ und „Entgegenkommen“ versteht.

Über all diesen kleinen Dingen, von denen tagtäglich wahrscheinlich Hunderte in den ARGEn Deutschlands geschehen, steht doch offenbar etwas ganz anderes und dennoch recht simples. Die Regelungen der ARGE bzw. des darüber stehenden SGB II stellen den nicht erwerbstätigen Menschen unbewusst unter den Generalverdacht der Faulheit. Um das alles sozialer zu formulieren, heißt es dann, den Menschen zu helfen, dass ihnen zu Hause nicht die Decke auf den Kopf fällt. Das ist gut, doch sucht man sich seine persönlichen Freunde doch meist selbst aus, oder? Die FallmanagerInnen werden per Gesetz zum persönlichen Freund ernannt. Sie helfen dir aus einer Not, die du gar nicht kennst. Manche strengen sich dabei auch so sehr an, dass du irgendwann wirklich glaubst, dass du sie brauchst.

Die längst überholten Arbeitsmarktgesetze, welche auf einem seit Jahrzehnten veralteten Menschenbild aufgebaut sind, haben die Maschinen offenbar über die Menschen siegen lassen. Das SGB behandelt alle Menschen gleich und zwar so als wären sie aus den Berufen des sog. primären und sekundären Arbeitsmarktsektors herausgedrängt worden. Auch in Dresden, wo es angeblich 6000 arbeitslose Akademiker geben soll. Die SGB-II-Gesetze machen aus hoch und höchstqualifizierten Menschen Arbeiter; kurzum jeder wird zum Proletariat. Das wird auch nicht dadurch besser, dass es in den ARGEn unter den Fallmanagern kaum AkademikerInnen gibt. Es könnte ein bisschen besser werden, wenn sich jeder einfach auf die Dinge konzentrieren würde, die sie oder er selbst tun möchte. Das Proletariat war in meinen Augen zwar vielleicht nicht sonderlich gut geistig ausgebildet, doch äußerst praktisch veranlagt. Wenn die praktische Veranlagung des Proletariats mit dem theoretischen Wissen der Intelligenz kombiniert werden könnte, wären wunderbare Dinge möglich. Momentan wird jedoch unbewusst das theoretische Potential des Proletariats in die Praxis der Intelligenz hineingepresst. So meinte meine frühere Fallmanagerin Frau B. doch mal allen Ernstes, dass ich als Kraftfahrer arbeiten sollte. Wahrscheinlich kam sie zu diesem Schluss, weil ich 2007 einmal vier Tage als Chauffeur beim Dresdner Kurzfilmfest gearbeitet hatte. Den Job bekam ich dieses Jahr im Übrigen nicht mehr, weil die Bürokratie der ALG-II-Genehmigung und -abrechnung den Veranstalter vor einen ungeheuren zeitlichen Aufwand stellte.

Hmm, mein Fußbad ist recht kalt mittlerweile. Ich werde noch ein paar Internetartikel zur aktuellen Bankenkrise lesen und mich freuen, dass mein Arbeitgeber – die Bundesagentur für Arbeit – laut Geschäftsbericht 2007 „statt des zu erwartenden Defizits von 4,3 Milliarden EUR … einen Einnahmeüberschuss von 6,64 Milliarden EUR“ verbuchen konnte. Genug Geld, um meine Persönlichkeit zu stabilisieren.
 


Erstellt am: 24.11.2008
 

James Brown & Robert Palmer - "Feel Good" (live)