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Der Deutsche und sein Sinn für soziale Gerechtigkeit …

 

 

oder Was unterscheidet das Deutsche Reich von 1942/43 vom Deutschland im Jahr 2009 ...

 

Michael Winkler, Dresden, 01.06.2009, Internationaler Kindertag


 

Heute Morgen bin ich aufgewacht und hatte Kopfschmerzen. Hatte ich gestern nicht erst erwähnt, dass ich sehr selten Kopfschmerzen habe und mich an das letzte Mal gar nicht mehr erinnern kann? War das Ironie des Schicksals oder eine Vorahnung? Vielleicht – wieder einmal – eine Gelegenheit zur Aufklärung. Zunächst für mich selbst und wenn ich es aufschreibe vielleicht auch für andere. Wahrscheinlich ist dies ja sogar der eigentliche Sinn der Sache? Vielleicht ist es ja auch im Menschen so angelegt, dass er diese „déja vu“-Erlebnisse hat? Vielleicht ist das alles eine ganz natürliche Sache, ein körperlich formal völlig klar geregelter Vorgang?

Ich lag also im Bett und spürte diesen mittelstarken Druck im Kopf, was auf Kopfschmerzen deuten ließ. Ich blieb einige Zeit liegen und erinnerte mich, dass ich bis spät in die letzte Nacht hinein am Laptop gesessen hatte. Wie ich da so lag, kam mir ein Gedanke, der mir völlig plausibel erschien, obwohl er in der Praxis recht unglaublich aussehen würde.



"Es gibt kein gutmütigeres,
aber auch kein leichtgläubigeres Volk als das deutsche.
Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden,
die Deutschen glauben sie.
Um eine Parole, die man ihnen gab,
verfolgen sie ihre Landsleute mit größerer Erbitterung,
als ihre wirklichen Feinde.“

Napoleon Bonaparte (1769-1821)

 

 

 

Ich stellte mir zwei Menschen im Dritten Reich vor, die über das Schicksal von Menschen jüdischer Herkunft oder Glaubens zu entscheiden haben. Vielleicht irgendwann so im Juni 1942 oder 1943. Sie sitzen an irgendeinem Schreibtisch in Berlin, München oder Dresden und die allgemeine Order von oben hieß „Juden deportieren“. Sie sitzen nun dort und nach der ersten Charge schaut der eine den anderen an und kämpft offenbar mit leichten Gewissensbissen, ob er da wirklich das Richtige tut.

Er hält kurz inne und schaut seinen Gegenüber an, der ordnungsgemäß seinen Stapel abarbeitet. Nach einer Weile hob dieser seinen Blick nach oben und schaute nun seinen Gegenüber mit fragenden Augen an. „Was ist denn?“, möchte er wissen. Der andere schaut nun wiederum kurz nach unten – auf das vor ihm liegende Formular und vielleicht enthielt es den Namen seines jüdischen Nachbarn. Einem Händler, bei dem er bis vor ein paar Jahren gerne seine Einkäufe erledigt hat. Vielleicht erinnerte ihn jedoch auch nur der Name an eine Person, die er kannte. Vielleicht war es eine Frau, die denselben Vornamen trug, wie die junge Studentin damals an der Uni – vor Jahren. Jene, die er sich nie getraut hat anzusprechen, selbst als sie begann, ihn freundlich zu grüßen. Er hatte sich nicht getraut, sie anzusprechen, war schon von sich selbst überrascht, dass er es fertig gebracht hatte, sie zurück zu grüßen.

Das Studium war ihm dann doch wichtiger, eigentlich jedoch auch nicht. Doch zudem hatte sie einen Namen, welcher auf jüdische Wurzeln schließen ließ. Was konnte das für Konsequenzen haben? Schließlich beruhigte er sich damit, dass er eben die Dinge so nehmen müsse, wie sie nun mal waren. Einige Monate später lernte er eine deutsche Frau kennen, eine nette, adrette. Sie gingen aus und irgendwann, ein paar Monate später, heirateten sie. Doch selbst nach der Heirat – er war noch Student gewesen, kurz vorm Abschluss – grüßte ihn die Studentin, die wahrscheinlich Jüdin war. Doch er war ja verheiratet, seine Frau war schwanger und überhaupt.

Nun saß er an seinem Schreibtisch und fragte sich, warum ihm all diese Dinge, plötzlich in den Kopf kamen. Er blickte seinen Gegenüber wieder an und fragte diesen „Ich weiß nicht, ob ich das weitermachen sollte. Ich glaube, ich kenne diese Person hier auf dem Formular.“ Der bisher akribisch arbeitende Kollege schaute nun seinerseits kurz nach unten. Er kannte den Namen auf seinem Formular nicht. Dann schaute er wieder hoch und sagte mit einem kurzen Stocken: „Alle Menschen sind doch gleich. Warum sollten wir sie unterschiedlich behandeln. Das Gesetz kennt keine Sonderfälle.“ Sein Gegenüber war noch immer in Gedanken, schaute kurz aus dem Fenster und dann wieder zurück zu seinem Kollegen, welcher nun sagte: „Es wäre auch ungerecht den anderen gegenüber, deren Formulare wir schon bearbeitet haben. Ebenso gegenüber unseren Arbeitskollegen. Wir machen unseren Teil der Arbeit. Nicht mehr. Wir können uns nicht um alle und alles kümmern.“

Der Formularbearbeiter mit den anfänglichen Gewissensbissen schaute stillschweigend seinen Kollegen an, dann einige Sekunden aus dem Fenster, dann auf das immer noch vor ihm liegende Formular. Für den Bruchteil einer Sekunde wünschte er sich, dass er an irgendeinem anderen Ort in dieser Welt wäre. Doch er wusste, dass es nur ein Wunsch war. Schließlich nahm er seinen Stift wieder in die Hand, machte drei Kreuze an den betreffenden Stellen und unterschrieb mit seinem Namen.
 

 

Zurück ins Jahr 2009. Die eben aufgeschriebene Geschichte ist in der Tat fiktiv und könnte so geschehen sein oder nicht. Doch was denkt sich ein Leser nach dem Durchlesen? Fragt er sich vielleicht, wie der mit Gewissensbissen behaftete Formularausfüller den Namen der jüdischen Frau überhaupt (er)kennen konnte, ohne jemals mit ihr gesprochen zu haben? Fragt er sich, ob das alles überhaupt so geschehen sein konnte oder bleibt dann bei einer möglichen Erklärung wie zum Beispiel ‚Ist ja nur eine fiktive Geschichte.’ stehen?

Was unterscheidet uns von einer Maschine ohne Gefühle oder Herzen von einem Menschen? Wenn wir uns nicht selbst lieben können, werden wir auch nicht lernen, andere Menschen lieben zu können. Alle sind einfach nur Mitspieler im „großen System“. Entweder ich oder ein anderer. Das betrifft sowohl das Überleben als auch das Sterben, dem Gegenteil von Überleben sozusagen.

Doch wann fangen wir an zu leben?

 

Heute heißen die Parolen „Arbeit schafft Wachstum“ oder „Was Arbeit schafft ist sozial“. Und wir laufen alle mit – offenbar. Wer hinterfragt, was Wachstum bedeutet? Was ist sozial? Auch Hitlers Deutschland wollte wachsen, das „Volk ohne Raum“. Auch Hitler war sozial, schaffte Arbeitsplätze und baute Autobahnen. Wo liegt der Unterschied zu heute?

Nur weil wir heute eine Demokratie haben? Gab es vor Hitler auch. Nur weil wir heute einen Lebensstandard haben, der uns weniger anfällig für Führerpersönlichkeiten zu machen scheint? Mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung (je nach Statistik) sind unzufrieden mit der Demokratie in Deutschland. Woher wissen wir, dass diese Statistik so stimmt? Was glaubst du? Was ist überhaupt Demokratie? Wie oft fragt man dich nach deiner Meinung, deinen Vorschlägen, deinen Wünschen? Wann wurdest du das letzte Mal von einem Politiker gefragt, was du denkst, was du möchtest? Wann hast du dich das letzte Mal selbst gefragt, was du eigentlich möchtest?

Ich kann den Formularausfüller aus der fiktiven Geschichte von 1942 oder 1943 durchaus in seinem Handeln verstehen. Doch war es richtig? War es gut? Wer entscheidet zwischen gut und böse? Der rationale Verstand macht es sich immer passend. Alles ist logisch innerhalb eines geschlossenen Systems. Und somit ist es auch völlig legal und legitim, Menschen zu töten bzw. töten zu lassen. Das macht es auch einfacher. Noch besser wäre, sie brächten sich von alleine um, denn dann wäre das Problem gleich doppelt aus der Welt geschafft – die Sache an sich und die Verantwortungsfrage gleich mit. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Das kann man dann auch die deutsche Version von Effizienz nennen. Vielleicht als Werbespot für Firma A oder B. Freilich ohne die Entstehungsgeschichte mit zu erwähnen. Wäre nicht gut fürs Geschäft, versteht doch jeder.

Insofern wäre es vielleicht wirklich ab und zu sinnvoll, inne zu halten und zu beobachten; zuerst sich und dann andere Menschen. Einfach nur beobachten und schauen. Wenn man aus dem Kopfschütteln nicht mehr rauskommt, dann wäre es vielleicht angebracht, drüber nachzudenken, in welcher Welt man eigentlich wirklich leben möchte.


Erstellt am: 03.06.2009